Schriftgröße: normal | groß | größer
 
Niedersachsen Vernetzt
Besucher: 126062
Teilen auf Facebook   Link verschicken   Drucken
 

Geschichte der Orgel

Wendet der Besucher dieser Kirche seinen Blick nach Westen, bietet sich ihm ein prachtvoller Anblick: der Prospekt der Orgel von 1721. Die fast original erhaltene Schauseite gehört zur zweiten Orgel in dieser Kirche, die um 1470 herum zu bauen begonnen wurde und bis heute im Wesentlichen so geblieben ist.

 

Die erste Orgel (um 1549) war ein relativ kleines Werk - als „Schwalbennest" oberhalb einer inzwischen abgerissenen Seitenkapelle auf der Südseite eingebaut. Nach etwa zweihundert Jahren war sie verbraucht und in der Tat wohl „zu schwach, um die volkreiche hiesige Gemeinde bey den singen um thone zu erhalten".

 

1721 wandten sich Stadtrat und Kirchenräte an den Orgelbauer Johann Hinrich Gloger wegen einer neuen größeren Orgel, die auch zeigen sollte, dass Northeim damals keine unbedeutende Stadt war. Gloger wollte 30 Register (= Pfeifenreihen) bauen, die Räte wollten mehr. So wurden 50 Register veranschlagt und noch im gleichen Jahr zu bauen begonnen. Sowohl der Orgelbauer wie auch die Auftraggeber hatten sich gründlich verkalkuliert - das Werk war viel zu billig angeboten worden, weshalb es zu Nachforderungen und Streitigkeiten kam, über denen Gloger nach zehn Jahren, kurz vor Fertigstellung der Orgel verstarb.

 

Sein Sohn Johann Wilhelm brachte dann um 1734 die noch stummen „drey größesten pfeiffen des 32 füßigen posaunen Basses" zum Klingen, änderte allerdings das seiner Meinung nach „in vielen Stücken noch mangelhaffte und unvollkommene Orgelwerck" des Vaters „solcher gestalt, daß es Demnechst überhaupt alß ein untadelhafftes werck Könne Dargestellet werden".

 

Erst 1738 wurde der Prospekt bemalt und vergoldet, und da die Kirche neu gekalkt worden war, musste die Orgel zum ersten Mai gründlich gereinigt werden, wobei gleich wieder einige Register verändert wanden. Da alle Originalakten über die Orgel im letzten Krieg vernichtet wurden, sind wir dankbar angewiesen auf Abschriften von Herrn Rudolf Haupt, der auch 1948 eine kleine Schrift über die Sixti-Orgel im Rheingold-Verlag Mainz herausgegeben hat - sie ist nur noch kopiert zu haben.

 

Dieser Schrift zufolge ging es folgendermaßen weiter mit der Orgel:

 

1741 abermalige gründliche Reinigung

 

1745 der Organist erhält vom Stadtrat den Auftrag, die Orgel jährlich zu pflegen.

 

1752 Organist Blume baut ein Glockenspiel ein.

 

1769 wegen des „schlechten Zustands" Reparatur durch Orgelbauer Wiedemann (Halberstadt)

 

1790 erste bedeutende Änderung und Reparatur durch Stephan Heeren (Gottsbüren):
Die „Chorton-Register" verschwinden bzw. werden, wie die ganze Orgel, umgestimmt.

 

1818 Instandsetzung durch Christian Gottfried Tittus und Söhne (Großen-Borschel)

 

1836 zweiter einschneidender Erneuerungsumbau durch Conrad Euler (Wahmbeck):
Die Orgel wird dem romantischen Zeitgeschmack angepasst, d.h. etliche kleine Register mit „widerlicher Schärfe" werden ausgetauscht gegen „männlichere und kräftigere" Stimmen, die dem Werk „bessere Fülle" geben sollen. Der technische Apparat wird beibehalten - bei der Abnahme wird die schwere Spielart beanstandet; möglicherweise mussten die Ventilfedern verstärkt werden.

 

ab 1850 Beginn von Sammelaktionen für abermaligen Umbau

 

1872-76 dritter entscheidender Umbau durch Julius Alexander Strobel aus Frankenhausen:
Neue Windladen, Erweiterung des Prospektes für die neuen viel größeren Pedalladen, anstelle des Brustwerks neues Schwellwerk links und rechts über dem Pedal, Hauptwerk mit Barkerhebel, Erweiterung der Disposition auf 62 Register.

 

um 1908 wird dies Werk „pneumatisiert", d.h. die bisher aus direkten mechanischen Verbindungen bestehende Spieltraktur wird ersetzt durch ein System aus Bleiröhrchen und Bälgchen, das zwar die Spielart wesentlich erleichtert, jedoch unpräzise macht und häufige Störungen verursacht.

 

1912 ein neues elektrisches Gebläse macht die Bälgetreter überflüssig.

 

1914/18 kriegsbedingte Zwangsabgabe der noch verbliebenen Original-Zinn-Prospektpfeifen

 

ab 1922 Ersatz derselben aus Zink - noch heute klingend in den vier größten Türmen, allerdings mit Zinnfolie optisch veredelt

 

ab 1939 erste Pläne den Originalzustand wiederherzustellen

 

1952-59 vierter Erneuerungsumbau durch Paul Ott, (Göttingen):
Neue Windladen, neue mechanische Traktur, Rückführung auf annähernde Originaldisposition mit 52 Registern, Entfernung der Prospekt-Erweiterungen und Wiederaufbau gemäß ursprünglicher Anordnung der Windladen analog zum Prospekt. Beibehaltung eines Konglomerats von Pfeifen aus drei Jahrhunderten, „neobarock" ergänzt (neue Zungen und Mixturen ...) Die nicht zu unterschätzenden Erkenntnisse der „Orgelbewegung" (Albert Schweitzer u.a.) waren noch im Stadium der Wiederentdeckung erhaltener Barockorgeln. So konnte vieles nicht so verwirklicht werden, dass es von einiger Dauer und vor allem klanglich befriedigend ausfiel. Die neue mechanische Traktur wurde denn sehr bald ziemlich zäh spielbar und der Klang, obertönig, schwachbrüstig und im Fundament unterentwickelt, ließ zu wünschen.

 

Ab 1984 führte denn Otts Schüler Rudolf Janke (Bovenden) einen bisher letzten Erneuerungsumbau aus:
Die Spieltraktur wurde gründlich erneuert, teilweise umgebaut, eine teilweise neue Windversorgung (Keilbalg für Oberwerk und Brustwerk) sorgt im Gegensatz zu den ansonsten vorhandenen Ladenbälgen für lebendigeren Wind, eine neue Koppel Hauptwerk-Pedal bereichert die Spielmöglichkeiten.

 

1991-95 Restauration des Prospekts durch J. Diederichs (Berka)

 

2010 Intonation und Stimmung: a‘ bei 446 Hz. Neidhardt 1724 („für eine große Stadt“) durch die Orgelbaufirma Bente (Helsinghausen)