Schriftgröße: normal | groß | größer
 
Teilen auf Facebook   Link verschicken   Drucken
 

Gottesdienst in Corona-Zeit

 

Obwohl wir wieder öffentliche Gottesdienste feiern können - seit 17. Mai in der Corvinuskirche -  bieten wir denjenigen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen können oder noch nicht wollen - auf dieser Seite weiterhin einen Impuls an, der auch Elemente des Live-Gottesdienstes enthalten wird. 

 

Wir laden Sie ein, am Sonntag um 10 Uhr, also zur gewohnten Gottesdienstzeit, die Texte zu lesen und zu meditieren, das Gebet laut oder leise zu sprechen. Wenn Sie mögen, suchen Sie sich einen ruhigen Platz in Ihrer Wohnung, zünden Sie eine Kerze an, und nehmen Sie sich eine Zeit der Stille.

 

So feiern wir gemeinsam Gottesdienst. Räumlich getrennt, aber im Geist und in der Hoffnung verbunden.

 

Wir verschicken diese Impulse wöchentlich auch per Mail - immer verbunden mit ein paar aktuellen Informationen. Wenn Sie in den Verteiler aufgenommen werden möchten, kontaktieren Sie bitte Pastor Stefan Leonhardt unter . Falls Sie kein Internet haben, wenden Sie sich bitte telefonisch an ihn unter der Nummer 2863.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier lesen Sie den Impuls zum 1. Advent (als pdf-Datei)

 

 

Andacht am 1. Advent – 29. November 2020 – Sacharja 9,9–10 – P. Dr. Jens Gillner

 

Bild 1

 

Gebet

Gott, der Adventskranz will uns den Weg weisen: Eine Kerze brennt. Mehr Licht, so scheint es, können wir in diese Welt nicht bringen. Aber wenn es auch hier drinnen stockfinster wäre, würde dieses kleine Licht ausreichen, damit wir uns im Raum orientieren können. Wir werden gerade in den kommenden Wochen wieder regel-recht geblendet von der Lichterflut um uns herum.

Gott, hilf uns, unter all den Lichtern dein Licht zu sehen. Hilf uns in den kommenden Adventswochen auf dich und auf uns zu schauen, dich zu hören und unsere wirklichen Bedürfnisse. Wecke unsere Erwartung neu, dass du in unserer Welt, dass du bei uns ankommen willst – als das Licht, das uns den Weg weist. Amen.

 

Psalmenvariation zu Ps 24

 

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!

Die Erde gehört dem Herrn mit all ihrem Reichtum. Nichts wird dem Bösen überlassen.

Wer hat ein Recht, vor Gott zu treten? Und wer darf hoffen, vor ihm zu bestehen?

Wer bereit ist, die Hände zu öffnen, um sie sich füllen zu lassen und die Hände der anderen zu füllen.

Denn so kann Gott uns stärken. Und so können wir uns gegenseitig mit Gutem erfüllen.

So können wir eine Gemeinschaft sein und Frieden miteinander finden.

Macht die Tür nicht zu klein für den, der da kommt! Reißt nieder die Mauern, die ihm im Weg sind!

Wer ist der, der uns dazu den Mut gibt?

Es ist der Herr, stark durch Ohnmacht, der Herr, mächtig im Leid!

Macht die Tür nicht zu klein für den, der da kommt! Es ist der Herr der Welt, den die Krippe erwartet.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehren einziehe!

 

 

Über Esel und andere Witzfiguren. Gedanken zu Sacharja 9,9–10

Kann das gut gehen?

Nach der Ära Donald Trump im Weißen Haus fällt es uns nicht mehr schwer, uns einen mit ungeheurer Macht ausgestatteten Menschen vorzustellen, der jedoch einfach nur lächerlich ist. Trump jedoch – wie viele seiner Staatslenker-Kollegen – klebt an der Macht und droht nach der verlorenen Wahl, sie sich auf juristischem Weg zurück zu holen. Er kann nicht anders. Die Macht bedeutet ihm alles. Und, wie gesagt, er ist nicht allein so eingestellt.

Umgekehrt dagegen: Ein Mächtiger, der auf seine Macht und seine Gewalt bereitwillig verzichtet – kann es sowas wirklich geben? Ein Herrscher, der den Starken dieser Welt keine Angst macht, aber das Vertrauen der Schwachen gewinnt – kann das gut gehen? Ein König, der auf einem Esel reitet, ist das in Wirklichkeit nicht auch eine Witzfigur?

Ein alttestamentlicher Prophet aus dem 3. Jh. v. Chr. zeichnet ein anderes Bild. Hören wir seine Worte aus Sach 9:

Juble laut, Tochter Zion, jauchze, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin. Und ich rotte die Streitwagen aus Ephraim und die Pferde aus Jerusalem aus, und der Kriegsbogen wird ausgerottet. Und er verkündet Frieden den Nationen. Und seine Herrschaft reicht von Meer zu Meer und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Bild 2

Ist Sacharja nun ein Kindskopf oder ein wirklich weiser Mann? Das Bild von Jesus, der auf einem Eselsfohlen in die Stadt Jerusalem einreitet, haben wir uns gerade wieder vor Augen geführt. Der Evangelist Matthäus zitiert den Text aus Sach 9 – jedenfalls den ersten Teil. Und er meint wohl, dass er damit bei seinen Leserinnen und Lesern an Bekanntes anknüpfen kann. Er setzt voraus, dass sie Sach 9 kennen. Allerdings steht der Text in den Evangelien in der Einleitung zur Geschichte von  Jesu Kreuzigung und hat darum einen etwas anderen Klang als den ursprünglichen im Alten Testament. Für uns ist es mittlerweile selbstverständlich, dass wir nach den Hosiannarufen der Bewohnerschaft von Jerusalem sogleich das „Kreuzige“ hören. Davon müssen wir versuchen wegzukommen, wenn wir den Sacharjatext für sich verstehen wollen.

Es kann nur einen geben

Auch er entstammt einer Situation, die alles andere als rosig war: Das 3. Jh. vor Christi Geburt war eine der blutigsten und kriegerischsten Epochen der Weltgeschichte, die Zeit der sog. Diadochen, der Nachfolger Alexanders des Großen, die sich erbittert um sein Erbe streiten. Es geht um Macht und darum, in wessen Besitz sie allein ist. Ein Herrscher ermordete den anderen. Intrigen, Dolch, Gift – der Zweck heiligte jedes Mittel. Dazu kam, dass sich die Herrscher selbst für Götter erklärten. Und da ist es ja klar: Es kann immer nur einen geben! Einer nannte sich Euergetes = Heilbringer; ein anderer Epiphanes = auf Erden erscheinender Gott; wieder ein anderer nannte sich Soter = Retter.

Und da kommt nun in dem kleinen Jerusalem ein Prophet daher und sagt: Nein! Das ist keine göttliche Macht. Das ist keine göttliche Herrschaft. Siehe, dein König kommt zu dir … aber ganz anders. Er wird ein Reich auf Erden aufrichten, dass doch ganz anders ist als die Reiche dieser Welt. Unser Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, will etwas anderes für sie. Aber wie sieht dieses „ganz anders“ aus? Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin. Von Weihnachten her wissen wir: Gott kommt nicht als Heerführer und Diktator, sondern in einem Kind zur Welt. Macht wird im Kleinen sichtbar. Stärke ist da, wo sich augenscheinlich nur Ohnmacht zeigt. Ein einzelner Mensch kann in seinem Umfeld Großes bewirken – indem er bescheiden lebt, sich selber treu bleibt, uneigennützig hilft, klar ist in seinem Reden und Denken, Mitleid empfindet mit den Kreaturen. Und heutzutage muss man auch sagen: Wenn er schweigen kann und sich nicht zu jedem Mist, der so herumposaunt wird, auch noch äußern und seine Meinung kundtun muss.

Bild 3

Die Adventszeit ist für mich eine Zeit, mich neu zu orientieren, mich neu zu besinnen auf das, wirklich zählt.

 

„Was … bei Sacharja prophetische Vision war, ist in Jesus Wirklichkeit geworden. Das sagt uns die Weihnachtsbotschaft“, so lese ich in einer Predigt. Nein, so einfach dürfen wir uns das nicht machen. Und wir werden damit auch den Evangelisten nicht gerecht, die in ihren Texten das Alte Testament zitieren. Gottes Uhren gehen anders. Sie zielen immer in die Gegenwart und suchen stets nach unserer Entscheidung jetzt. Dinge aus der Vergangenheit zum Beweis für die Gegenwart heranzuziehen, ist nicht Sache unseres Glaubens. Glauben ist Vertrauen, nicht Beweis. Und Vertrauen muss sich im Alltag stets neu bewähren – im Kleinen und nicht zuletzt im Gewöhnlichen und Selbstverständlichen.

Mut zum Lernen und Verändern

Lasst uns diese Adventszeit, in der so vieles anders ist als sonst, doch dazu nutzen, die kleinen Schritte zu gehen, um etwas zu verändern! Und lasst uns diese Schritte nicht von vornherein als „zu klein“ oder gar als „zu unbedeutend“ abtun! Vieles müssen wir erst wieder mühsam lernen und in kleinen Dosen lernt es sich leichter: sich mit dem zu bescheiden, was wir haben, dem wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken, was wir wollen und was uns guttut, Dinge ansprechen, die uns lähmen und stören, aber ohne gleich den Kleinkrieg vom Zaun zu brechen, den Frieden miteinander suchen und nicht gleich in die Luft gehen, wenn wir gerade nicht unseren Willen kriegen. Ja, vieles müssen wir erst wieder lernen, weil wir es leicht über das Jahr wieder vergessen und uns vereinnahmen lassen von den Stimmen um uns herum.

Es gibt in unserer Mitte Menschen, die leben in ihrer Welt, als wäre sie ein Haus ohne Fenster, ohne Weite, ohne Aussicht, ohne Perspektive. Und manchmal gehören wir selbst dazu“, schreibt der Theologe Rüdiger Lux. Und Corona hat diesen Zustand bei vielen noch verstärkt. „Wir, gefangen in uns, gefangen in Ritualen des Wohlstands und der Unterhaltung, … geblendet vom Vorhandenen, ohne Sehn-sucht nach dem Abwesenden,… eingebunden in die Reiche dieser Welt, in Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien, ohne Leidenschaft für das Reich Gottes…! Wir kommen da nicht raus.“

 

Bild 4

 

Der Reiter auf dem Eselsfohlen kann uns die Tür wieder öffnen, so sagt uns der Sacharjatext heute am 1. Advent. „Er stößt die verschlossen-en Fenster auf. Er lässt Licht hineinströmen … Er gibt uns Einblicke und Durchblicke auf eine neue, eine erneuerte Welt.“

Siehe, dein König kommt zu dir: Gerecht und siegreich ist er, demütig und auf einem Esel reitend, und zwar auf einem Fohlen, einem Jungen der Eselin. So haben wir dieses Adventswort im Ohr.

Eine „Eselsbrücke“

In einer anderen Weihnachtspredigt, die den Esel mal in den Fokus genommen hat, habe ich gelesen: „Man kann sagen, was man will, aber: Charakter – das hat er, der Esel. Mehr als andere Geschöpfe. Mehr als seine adeligen Verwandten, die Pferde, ja freilich, die sind schöner, hochgewachsen, gut erzogen, charmant und intelligent. (…) Pferde machen verwegene Zirkuskunststücke. Mit dem Esel ist kein Zirkus zu machen. (…) Ich bin versucht zu sagen: Der Esel hat gewisse höhere Einsichten und anerkennt nur einen höheren HERRN, aber keinen Dompteur. Auch dass er für den Krieg nicht zu gebrauchen ist, spricht nicht unbedingt gegen ihn. (…) Dass gerade dieses Tier mit der Lebensgeschichte Jesu so verbunden ist, gibt zu denken. (…) Der Esel gehört zum Ambiente der kleinen armen Leute – und wird auch noch von ihnen misshandelt und verachtet. (…) Warum reizt dieses Tier die Wut und den Zorn seines Besitzers wie kein anderes? Warum nur? Bist du wirklich so dumm? Wie kannst du dir bei all diesem Elend, deiner Armut und der Armut deiner Treiber den Luxus leisten, so eigenwillig zu sein, den Luxus eines Innenlebens, eines Gemütes, vielleicht gar einer „Seele“? Ich beginne zu grübeln. Auch Jesaja sagt ja, dass Ochs und Esel ihren Herrn und die Krippe ihres Herrn erkennen. Darum knien die beiden auch bei jeder Weihnachtskrippe. Sie und die wilden Hirten erkennen, was anderen verborgen bleibt. Sie erkennen in dem Kind trotz Windeln, Armut und Stallgeruch die Herrlichkeit Gottes.

Bild 5

Die erste und erhaltene Jesusdarstellung aus der Antike zeigt den Gekreuzigten mit einem Eselskopf, eine linkische Karikatur. Sie drückt ehrlich und naiv aus, was alle denken, die auf dem hohen Ross bleiben wollen. Und – wollen wir das nicht alle? Nur langsam dämmert einigen von uns die Einsicht, dass wir auf den Esel des Menschensohnes und Samariters herabsteigen müssen, wenn wir nicht alle auf den Hund kommen oder vor die Hunde gehen wollen.“

Paulus sagt (1. Kor 1,19ff.): Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): ‚Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.‘ […] Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind. […] Nicht viele Weise nach dem Fleisch, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme sind berufen. Sondern was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen zuschanden mache; und was schwach ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er zuschanden mache, was stark ist; und was gering ist vor der Welt und was verachtet ist, das hat Gott erwählt, was nichts ist, damit er zunichtemache, was etwas ist, auf dass sich kein Mensch vor Gott rühme.

Diesem Advent warten wir entgegen, weil er allein die Welt und uns zu heilen vermag. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

 

Fürbittengebet

Gott, zieh ein in unsere Stadt! Wir möchten helfen, dir den Weg zu ebnen, wo sich viele auf alles Mögliche vorbereiten, nur nicht auf dich.

Komm, Gott, zieh ein in das Haus, in dem Armut und Hoffnungslosigkeit herrschen und in dem nur noch angstvoll an den nächsten Tag gedacht wird.

Komm, Gott, zieh ein in das Haus, in dem die Menschen fröhlich sind und guten Mutes. Lass sie dir dankbar dafür sein, dass es ihnen so gut geht.

Komm, Gott, zieh ein in das Haus, in dem Krankheit und Schmerzen die Kraft auffressen. Erinnere sie an gute Tage. Und hilf in der Situation durch manches gute Gespräch und durch heilsame Begegnung.

Komm, Gott, zieh ein in das Haus, das durch Krieg oder andere Katastrophen zerstört wurde. Sende Helfer in die Not und Kraft zum Aufbau.

Komm, Gott, zieh ein in das Haus, in dem jemand das erste Türchen am Adventskalender öffnet. Mehre die Erwartung – nicht nur auf die nächste Süßigkeit, sondern auf dich und dein Reich des Friedens.

Amen.