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Gottesdienstlose Zeit

 

Da wir im Augenblick keinen öffentlichen Gottesdienst feiern können, bieten wir Ihnen auf dieser Seite einen kleinen Impuls für jeden Sonntag.

 

Wir laden Sie ein, am Sonntag um 10 Uhr, also zur gewohnten Gottesdienstzeit, die Texte zu lesen und zu meditieren, das Gebet laut oder leise zu sprechen. Wenn Sie mögen, suchen Sie sich einen ruhigen Platz in Ihrer Wohnung, zünden Sie eine Kerze an. Sie können sich eine Zeit der Stille nehmen und das angegebene Lied aus dem Gesangbuch singen (mit dem angegebenen Link können Sie es sich auch im Internet anhören). Kreiskantor Benjamin Dippel bietet in Kürze unter Facebook eine Auswahl von Musikstücken.

 

So feiern wir gemeinsam Gottesdienst. Räumlich getrennt, aber im Geist und in der Hoffnung verbunden.

 

Glocken von St. Sixti

 

 

Impuls zum 5. Sonntag in der Passionszeit („Judika“)                         

29. März 2020

von Madeleine Landré

 

Zu Judika

 

 

„Verschaffe mir Recht, Gott!“ Mit dieser Forderung beginnt Psalm 43, der diesem Sonntag seinen Namen gibt. Judica me, Deus! Am Anfang steht dieser Ruf, gefolgt von vorwurfsvollen Fragen: „Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig herumlaufen?“ Und am Ende dann die Selbstmotivation: „Warte auf Gott!“

 

Dieser Psalm drückt so vieles aus, was im Inneren eines Menschen vorgehen kann. Er vereint – sozusagen im Schnelldurchlauf – Forderungen, Fragen und Zuversicht. Es wird ein Weg abgebildet, der in Wirklichkeit manchmal Monate oder sogar Jahre dauern kann. An welcher Stelle des Weges stehen wir? Ich lade Sie ein, diesen Psalm zu lesen, laut oder leise, und zu fragen: Wo stehe ich?

 

Psalm 43

Schaffe mir Recht, Gott, / und führe meine Sache wider das treulose Volk

und errette mich von den falschen und bösen Leuten!

Denn du bist der Gott meiner Stärke:

Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt?

Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten

und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,

dass ich hineingehe zum Altar Gottes, / zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,

und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

 Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

 

Lied: Holz auf Jesu Schulter (Evangelisches Gesangbuch 97)

 

Lied zum Anhören bzw. Mitsingen

 

Bibeltext

Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

(Hebräer 13,12-14)

 

Gemeinsam unterwegs

Draußen vor dem Tor der Stadt hängt er am Querbalken. Rote Spuren zeichnen das Holz. Entsorgt wie ein Schlachttier, das nicht mehr benötigt wird, nachdem es sein Blut gelassen hat. Auf Distanz gebracht. Kurzen Prozess gemacht. Umgebracht. Was für eine grausige Vorstellung!

 

Angesichts der vielen frischen Blumen und eifrigen Sonnenstrahlen, die durch den Frühlingshimmel leuchten, fällt es schwer, diese Finsternis nachzuempfinden. Die Schlachttiere in Israel, der leidende Jesus am Kreuz, das alles scheint weit weg zu sein. Aber der (Sonnen-) schein kann auch trügerisch sein. Schaue ich genauer hin, sehe ich die unsicheren Gesichter der Menschen. Ich sehe Menschen, die die Straßenseite wechseln, wenn jemand entgegenkommt. Ich höre die murrenden und schimpfenden Leute in der Schlange beim Supermarkt. „Können Sie nicht mal etwas mehr Abstand halten?!“, zetert es hier, oder es zickt da: „Entschuldigung, hier war schon die Schlange!“ Die Anspannung elektrisiert die Luft, die Sonnenstrahlen gefrieren und man ist froh, wieder zuhause zu sein. Eisig läuft es einem den Rücken runter bei solchen Streitereien. Bitte Abstand halten! Auf Distanz bleiben! Die Finsternis ist auf einmal gar nicht mehr so weit weg. Draußen vor dem Tor, nicht in der Stadt. Wir wollen dich hier nicht!

 

Viele Menschen haben Angst. Viele sind allein. Da ist es geradezu absurd, was uns der Text hier als nächstes vorschlägt. „Lasst uns hinausgehen!“ Hinausgehen? Und dann auch noch zusammen mit anderen Menschen? Wir sollen doch nicht rausgehen und schon gar nicht gemeinsam! Dieser Gedanke kommt inzwischen schon wie ein Reflex. Auf solche Vorschläge reagieren wir geradezu allergisch. Das ist genau wie der Moment, wenn man sich in diesen virulenten Zeiten einen Film anschaut und sich dort zwei Akteure die Hände schütteln, oder noch schlimmer: küssen! Da zuckt man ganz automatisch zusammen oder schaut mit Gänsehaut schnell in eine andere Richtung. Diese schönen Szenen der Freundschaft oder der Liebe kann man jetzt gar nicht mehr genießen. Sie wirken geradezu abschreckend. Und doch brauchen wir Gemeinschaft, Freundschaft, Liebe – gerade jetzt! Aber wie können wir im Moment Gemeinschaft leben?

 

Wir sollen uns aufmachen, vor die Tore der Stadt gehen, hin zum Ausgestoßenen, seine Schmach tragen. Gemeinsam. Doch wo befinden wir uns auf dem Weg?

 

Manche sind wütend. „Verschaffe mir Recht, Gott! Ich stand zuerst in der Schlange!“

Andere sind anklagend. „Warum muss ich so traurig herumlaufen?! Ich wollte doch meinen Geburtstag mit meinen Freunden feiern!“

 

Manche sind ungeduldig. „Warum murrst du, meine Seele? Wann kann ich wieder ins Kino?“

Andere sind zuversichtlich. „Warte auf Gott, meine Seele, denn ich werde meinen Retter loben!“

 

Wir sind gemeinsam auf dem Weg, stehend oder gehend. Wir wissen nicht, wo unsere zukünftige Stadt sein wird und wie sie aussieht. Wir suchen sie noch – gemeinsam. Und wir werden zusammen dort wohnen. Bis dahin müssen wir geduldig sein mit unseren Mitmenschen, gerade jetzt, wo viele ungeduldig sind. Wir müssen die Schmach tragen, dass andere Leute anders mit der Situation umgehen als wir selbst.

 

Durch seinen Tod hat Jesus einen neuen Weg eröffnet. Auf diesem Weg zu gehen, heißt auch, aus der Behaglichkeit herauszugehen, sich vor die Tore der gemütlichen, funktionierenden Stadt zu wagen und die Schmach des Kreuzes zu ertragen. Dafür steht die Passionszeit. Doch am Ende dieses Weges ist keine Schranke. Denn die Schranke wurde zum Baum des Lebens für uns, so wie in Lied 97. Was heißt das für Sie? Für mich bedeutet es, einzustimmen in die Hoffnung der Christenheit: Das Kreuz steht, auch wenn die Welt durchdreht. Ich lasse mir die Sonne auf mein Gesicht scheinen.

 

Judika

 

Gebet

Du bist mit uns auf dem Weg, Gott.

Egal, an welcher Stelle wir uns befinden,

egal ob wir starr sind, ob wir unruhig sind, oder zuversichtlich.

Du bist da.

Hilf uns, auf dich zu vertrauen und unseren Blick auf deine neue Stadt zu richten.

Hilf uns, an all die Menschen zu denken, die anders fühlen als wir.

Schenk uns deinen liebenden Blick, ein aufmunterndes Wort für Andere.

Richte uns auf, wenn wir selbst traurig herumlaufen!

Schenk uns Ruhe, wenn wir unruhig sind. Sei unser Ohrensessel!

Stärke uns den Rücken, wenn wir von einem schweren Balken niedergedrückt werden.

Lass uns glauben, dass du die Schranke geöffnet hast, sodass wir uns auf den Weg machen können.

 

Amen.

 

 

 * * *

 

Außerdem können Sie täglich um 18 Uhr zum Gebetsläuten zu Hause innehalten und das Vaterunser beten. Jeder betet es für sich allein, aber im Geiste sind wir verbunden.

 

In der nächsten Woche werden wir allen Gemeindeglieder einen Brief schicken mit ein paar Impulsen für die Karwoche und die Ostertage. So können alle zu Hause den Weg Jesu durch Kreuz und Auferstehung für sich mit vollziehen.

 

Pastorin Karin Gerken-Heise (Tel. 05551-3307) und Pastor Stefan Leonhardt (Tel. 05551-2863) stehen Ihnen telefonisch zum Gespräch bereit. Bitte zögern Sie nicht, sie anzurufen, wenn Sie einfach etwas loswerden möchten, wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt oder wenn Sie Hilfe benötigen.

 

* * *

 

 Hier lesen Sie einen geistlichen Impuls zum zurzeit beherrschenden Thema.

 

Leberblümchen

 

„Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf,

erkennt ihr‘s denn nicht?“

Jesaja 43,19

 

Nichts läuft mehr wie sonst. Veranstaltungen werden abgesagt, Fußballspiele in leeren Stadien abgehalten. Kinos, Schwimmbäder, Schulen machen dicht. Wie lange? Keiner kann es gegenwärtig sagen. Selbst längerfristige Planungen sind unsicher.

 

Manche finden all das übertrieben. Doch das Corona-Virus ist hoch ansteckend. Selbst wenn nur fünf Prozent der Infektionen schwer verlaufen, können schnell medizinische Engpässe entstehen. Soll jemand nach einem schweren Autounfall oder bei einem Herzinfarkt sterben, nur weil kein Bett mehr auf der Intensivstation frei ist? Es könnte dein Opa, meine Mutter, unser Nachbar sein.

 

Corona ist eine Zumutung für uns. Wir werden darauf gestoßen, dass wir doch nicht alles so unter Kontrolle haben, wie wir immer meinen. Aber das könnte heilsam sein. Plötzlich merken wir, dass Leben nur funktioniert, wenn wir uns alle im Blick haben. Was wären wir ohne die Fachkräfte in den Krankenhäusern, ohne die Mitarbeitenden in den Supermärkten, die derzeit auf Hochtouren arbeiten?! Jeder und jede von uns kann mitwirken bei der Bewältigung der Krise und sei es nur durch ein bisschen Gelassenheit.

 

 

Und nach dem ersten Schock stelle ich verwundert fest: Die Welt geht nicht unter, auch wenn nicht alles nach Plan läuft. Sonne, Frühling, Liebe, Zuwendung, all das ist nicht abgesagt. Ich habe Grund dankbar sein - für jeden Augenblick, jedem Atemzug, für mein Leben.

 

Dr. Stefan Leonhardt, Pastor an St. Sixti