Mittelalterliche Fenster

 

Mittelalterliche Bilder der Passion

 

 

Ein besonderes Projekt hat uns 2021 durch die Passionszeit geführt. Mit wöchentlichen Bildern und Texten erlebten wir die mittelalterlichen Glasmalereien aus der Sixti-Kirche ganz neu. Sie gehören zu den bedeutendsten Monumentalmalereien des 15. Jahrhunderts im norddeutschen Raum.

 

Die Fenster wurden restauriert und sind zur Zeit noch ausgelagert, nach Abschluss der Innenrenovierung werden sie in die Kirche zurückkehren.

 

 

Mittelalterliche Bilder der Passion - Auftakt > Ein Northeimer Erbe

 

 

 

Der 550 Jahre alte Passionszyklus in der St. Sixti-Kirche

 

Woran halten wir uns im Leben und im Sterben fest? Seit Jahrhunderten versucht der christliche Glaube darauf Antwort zu geben - in Gottesdiensten und Festen, in Liedern und Gebeten sowie in Bibellesungen und Seelsorge. Auch die kirchliche Kunst führt vor Augen, was uns helfen und stärken kann.

 

Die St. Sixti-Kirche bewahrt vier Fensterbilder zur Passionsgeschichte, die im norddeutschen Raum einzigartig sind. Sie wurden vor bald 550 Jahren geschaffen. Zu sehen sind das letzte Abendmahl, die Gefangennahme in Gethsemane, die Geißelung Christi und die Kreuztragung. Es sind Monumentalbilder mit übergroßen Figuren. Sie entstanden in einer Zeit, in der die Menschen täglich mit Not konfrontiert waren: Krieg, Seuche, Hunger, Armut sowie Krankheit prägten das Leben.

 

Umso wichtiger war es, sich an etwas „festzuhalten“. Wie „Trostbilder“ leuchteten die Passionsfenster auf und warfen ein Licht auf, das was trägt: Die Feier der Gemeinschaft, das gemeinsame Tragen des Kreuzes, das uns auferlegt ist, das geduldige Erleiden von Schmerz sowie der Trost, den Gott uns schenkt und den wir weitergeben können…

 

 

Bild 1

 

 

Bewahrt…

Es ist kaum vorstellbar, dass Glasfenster mehr als ein halbes Jahrtausend überdauern. Und doch: Wenn die Passionsfenster in der St. Sixti-Kirche in Northeim im Licht aufleuchten, dann sehen wir noch heute, wie die Menschen des Mittelalters Geschichten erzählten. Viele Menschen konnten nicht lesen. Bücher kannten die wenigsten. Dafür waren die mittelalterlichen Kirchenfenster wie ein gewaltiges „Bilderbuch“ – „ganz großes Kino“ würde man heute sagen. Vier Monumentalbilder sind aus dem Northeimer Passionszyklus erhalten. Sie zeigen das letzte Abendmahl im Jüngerkreis, die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane, die Geißelung Jesu durch Soldaten sowie die Kreuztragung mit Maria, Johannes und Simon von Cyrene.

 

 

Vergessen…

In früheren Zeiten hatten die Passionsfenster ihren Platz im Chorraum der Kirche. Nach Osten gerichtet leuchteten die Fenster in der Morgensonne auf und erzählten ihre Geschichte. Als das große Osterfenster dort seinen Platz fand, musste der alte Passionszyklus weichen und fand an der dunklen Nordseite einen neuen Platz. Von der Empore bedeckt waren die Fenster vom Kirchenschiff aus kaum sichtbar. Die Bilder fanden nur noch wenig Beachtung.

 

Wiederentdeckt…

Dr. Elena Kosina vom Forschungszentrum für mittelalterliche Glasmalerei in Freiburg nahm die Fenster im Jahr 2011 näher unter die Lupe und wies darauf hin, dass die vier jeweils neun Scheiben umfassenden Szenen des Passions-Zyklus zu den bedeutendsten Werken der monumentalen Glasmalerei dieser Zeit im Norddeutschen Raum gehören. Vergleichbare Fensterkompositionen mit mehreren übereinander geordneten großformatigen Szenen finden sich sonst in den Großbauten der Spätgotik, etwa im Chor des Ulmer Münsters, der Wallfahrtskirche St. Nikolaus in Bad Wilsnak oder in der Frauenkirche in München. Datiert werden die Glasmalereien aufgrund der überlieferten Herstellungs-Inschrift in der Szene der Kreuztragung um 1478.

 

Restauriert…

Nach ihrer „Wiederentdeckung“ wurden die wertvollen Fensterbilder von Glas-Restauratorin Nicole Sterzing restauriert. Nach Abschluss von Heizungsneubau und Innenrenovierung kehren sie im Sommer 2021 in die St. Sixti-Kirche zurück. Jeweils neun Scheiben gehören zu einem Großbild. Unten und oben sind sie von Glasornamenten jüngeren Datums (Ende des 19. Jahrhunderts) eingefasst.

Die Original-Malereien waren früher in den Sixti-Chorfenstern zu finden und wurden später in die vier Langfenster auf der Sixti-Nordseite umgesetzt:

 

1. Das Abendmahl

Zu sehen ist Christus im Kreis seiner Jünger an einer reichen und vornehmen Tafel mit Gedecken im Stil des 15. Jahrhunderts.

 

2. Die Gefangennahme Jesu in Gethsemane

mit dem Judaskuss und der Verwundung des Malchus (unten) durch Petrus.

 

 

3. Die Geißelung Christi durch vier Folterknechte mit Stange, Peitsche und bloßen Händen. Die Dornenkrone ist zu Boden gefallen. Die Füße Jesu sind gebunden. Einer der Gewalttäter reißt Jesus am Haar.  

 

4. Die Kreuztragung

Jesus wird von seiner Mutter Maria und dem Lieblingsjünger sowie von Simon von Cyrene begleitet. Dieser hilft ihn, das Gewicht des Kreuzes zu tragen.

 

Bei diesen vier Bildern sind nicht nur der starke Ausdruck durch ihre Farbigkeit, sondern auch die bewegte figürliche Darstellung und die Bildaufteilung sowie die einzelnen Details beachtenswert.

 

Von diesen mittelalterlichen „Trostbildern“ lesen Sie in den kommenden Passionswochen mehr. Wir haben Autorinnen und Autoren eingeladen, über Bilder oder Details zu schreiben. Auch die Northeimer Nachbargemeinden und die Konfessionen des Ökumenischen Arbeitskreises haben sich beteiligt: In den Bildern sehen wir ein gemeinsames vorreformatorisches „Erbe“. Der Northeimer Drehbuchautor Ronny Schalk und Regionalbischof i.R. Eckhard Gorka steuern ihre besonderen Sichtweisen bei.

 

Vielleicht entdecken Sie bei genauerem Hinschauen in den kommenden Wochen „Trostbilder“ für Ihr Leben.

 

 

Gefangennahme Jesu

 

Eines der vier mittelalterlichen Passionsfenster von 1478: Die Gefangennahme Jesu im Garten Gethsemane mit dem Judaskuss und mit der Verwundung eines Knechtes durch Petrus, der das Schwert zieht. Zwischen den dichtgedrängten Soldaten und Knechten steht Jesus barfuß und mit geöffneten Händen.                               Foto: Nicole Sterzing

 

 

 

Mittelalterliche Bilder der Passion Teil 2

Die Gefangennahme Jesu / Petrus zieht das Schwert

 

 

Die Gefangennahme Jesu  Foto: Nicole Sterzing

 

Die Gefangennahme

Als er aber noch redete, siehe, da kam eine Schar; und einer von den Zwölfen, der mit dem Namen Judas, ging vor ihnen her und nahte sich zu Jesus, um ihn zu küssen. Jesus aber sprach zu ihm: Judas, verrätst du den Menschensohn mit einem Kuss? Als aber, die um ihn waren, sahen, was geschehen würde, sprachen sie: Herr, sollen wir mit dem Schwert dreinschlagen? Und einer von ihnen schlug nach dem Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm sein rechtes Ohr ab. Da sprach Jesus: Lasst ab! Nicht weiter! Und er rührte sein Ohr an und heilte ihn. (Aus: Lukas 22, 39- 54) / Foto: Nicole Sterzing

 

 

Die Soldaten. Wie viele Soldaten braucht es, um einen unbewaffneten Mann festzunehmen? Eine kleine Heerschar ist aus der Stadt Jerusalem gekommen und im Garten Gethsemane einmarschiert. Sie sind angerückt mit Schwertern, Spießen, Fackeln, sogar mit Pfeil und Bogen. In ihren Rüstungen und prächtigen Gewändern kesseln sie den Mann in der Mitte regelrecht ein. Barfuß steht dieser auf einem grünen Rasen. Er hat die Hände geöffnet. 

Eine seltsame Ruhe geht von Jesus aus, als könne ihm der Tumult nichts anhaben. Er würdigt den Kampftrupp mit keinem Blick. Seine Augen ruhen auf dem Mann am Boden. Es ist ein Knecht des Hohepriesters. Seine Laterne ist zu Boden gestürzt, er hält sich den Kopf. Blut strömt aus der Stelle am Kopf, wo sein Ohr sein sollte. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt und kreidebleich. Ein Schrei entfährt seinem Mund.

Dieses Bild lebt von Kontrasten: Waffengewalt gegen Friedfertigkeit. Die steinerne Stadt mit Turm und Burg im Hintergrund, im Vordergrund dagegen der geflochtene Zaun und das kunstvoll gemalte Gras. Die drängende Schar der Soldaten links und rechts - und in der Mitte Jesus mit einer geradezu gelassenen Körperhaltung. Die Soldaten sind von Kopf bis Fuß mit Helm und Rüstung ausstaffiert. Jesus empfängt sie mit rotem Gewand und ohne Schuhe.

Die Blickrichtungen zeigen, worum es wirklich geht. Der Mann, der Jesus umarmt und küsst, ist Judas, der Verräter. Er blickt zu Jesus, aber verschlagen und boshaft. Petrus, der eben mit dem Schwert zuschlug und den Knecht verletzte, blickt ebenfalls zu Jesus, geradezu eindringlich und flehentlich. Jesus blickt aber weder zu dem Einen noch zu dem Anderen, sondern zu dem verletzten Mann am Boden. Das Johannesevangelium nennt ihn Malchus. Und dieser Verletzte schaut zum Betrachter des Bildes, als wolle er sagen: „Seht her! - Das ist meine Geschichte mit Jesus.“ - Davon berichtet das Lukasevangelium: „Und Jesus rührte sein Ohr an und heilte ihn.“

 

Jan von Lingen, Superintendent im Kirchenkreis Leine-Solling

 

Petrus zieht das Schwert

 

Petrus

 

 

Petrus verstaut nach seinem Angriff auf den Knecht das Schwert in der Scheide. So kennen wir Petrus. Aufbrausend, gefühlvoll, emotional. Ein Fels in der Brandung, sagen die einen. Ein Sturkopf, der mit dem Kopf durch die Wand will, sagen die anderen.

Mit Soldaten hat er eigentlich nichts zu schaffen. Seine Welt ist der See Genezareth. Als er noch Fischer war, traf er Jesus und verlor Hals über Kopf sein Herz. Petrus stieß vom Ufer seines Alltags ab und kehrte nicht mehr in sein altes Leben zurück. Und er tauschte Wind, Wasser, Weite gegen staubige Straßen, belebte Marktplätze und dunkle Synagogen. Seine „Lebensnetze“ füllten sich statt mit Fischen mit Glaube, Hoffnung und Liebe. Alles würde er für Jesus tun: ja, sogar sterben. In Erinnerung geblieben ist sein großes Bekenntnis: „Du bist Christus, des lebendigen Gottes Sohn!“ Doch auf diesen geradezu himmlischen „Herz-Moment“ legt sich ein Schatten. Später, als Petrus den Soldaten heimlich folgt und erkannt wird, verleugnet er Jesus: „Ich kenne diesen Menschen nicht!“

Doch jetzt nähert sich Fackellicht. Waffengeklirr erfüllt den Garten. Petrus ist der Erste, der Jesus verteidigen will. Ganz allein stemmt er sich gegen die Übermacht. Ein Hieb mit dem Schwert - und der Knecht liegt am Boden. Lass ab, nicht weiter, sagt Jesus. Mitten im Aufmarsch der Soldaten, im Kessel der Festnahme, wendet sich Jesus dem Verletzten zu. Es gibt nichts Wichtigeres in diesem Moment. Mitten im Unheil geschieht --- Heilung und Heil.

 

Stephanie von Lingen, Superintendentin im Kirchenkreis Leine-Solling

 

 

WISSENSCHAFTLICHE EINORDNUNG „Gefangennahme Christi“

 

Inschriften: In den Nimben im Feld 9a: Sanctus Petrus Ap(osto)lus; in 9b: Ih(esu)s nazare(nus) Rex Judeor(u)m.

Die Northeimer Szene vereint mit der Ergreifung Christi durch die Soldaten drei weitere in den Evangelien beschriebene Begebenheiten: den Kuss des Verräters Judas, den Angriff von Petrus auf den Knecht des Hohepriesters, Malchus, und die Heilung des abgeschlagenen Ohrs durch die Hand Christi (Mt 26, 47–52, Lc 22,47–51; Jo 18, 3–11). Charakteristisch für diese Szene – wie für den gesamten Northeimer Zyklus ist der durch die dicht gedrängten Figurengruppen vollständig verstellte Bildraum. Zwei kleine, offensichtlich im Zuge der Restaurierung von Henning & Andres ergänzte Konsolen lassen darauf schließen, dass die Szene ursprünglich mit einer architektonischen Bekrönung versehen war.

Der sperrige Figurenstil in Kombination mit einer detaillierten Gesichts- und Gewandmodellierung findet sich vergleichbar in einigen Beispielen niederdeutscher Tafelmalerei, insbesondere aus der Nachfolge des Johannes Koerbecke oder des Meisters von Liesborn. Zu den modernsten Elementen der Darstellung zählen modische Details wie der ziselierte Plattenharnisch, die kunstvoll geschmückte Schwertscheide oder die dreifarbigen Streifen-Beinlinge eines Soldaten.

 

Dr. Elena Kosina

 

 

 

 

Mittelalterliche Bilder der Passion Teil 3

Die Geißelung Christi / Die Schergen

 

Kirchenkreis. Die mittelalterlichen Glasmalereien der St. Sixti-Kirche gehören zu den bedeutendsten Monumentalmalereien des 15. Jahrhunderts im norddeutschen Raum. Mit einer neuen Sichtweise wollen wir den Northeimer Passionszyklus in den Mittelpunkt rücken. Wir erzählen die Geschichten neu…

 

 

Geißelung

 

 

Die Schergen. Ja, gemeinsam fühlt ihr euch stark. Erhebt die Stöcke, Peitschen und Geißeln und schlagt zu. Lasst alle Wut raus. An eurem Opfer. Gebunden an Händen und Füßen – völlig hilflos, es kann sich nicht wehren. Es ist unschuldig – interessiert das denn keinen?

Die Schergen halten mir einen Spiegel vor und ich erschrecke: Es gibt Momente, da lasse auch ich meinen Ärger an Schwächeren aus. Lasse mich von der Gruppendynamik mitreißen. Und fühle mich wohl auf der Siegerstraße.

Doch die Schläger auf dem Bild sind Handlanger der Obrigkeit. Sie gehorchen Befehlen und führen lediglich einen Auftrag aus. Bin ich auch so? Kenne ich nicht auch die Situation, in der ich mich hinter meinen Vorgesetzten verstecke und mich den Anweisungen von oben füge? Selbst wenn ich weiß, dass sie falsch sind?

In Bachs Johannespassion fragt der Chor: „Wer hat dich so geschlagen, mein Heil, und dich mit Plagen so übel zugericht‘?“ Ein Schauer läuft mir über den Rücken. Bin ich unschuldig? Oder müsste ich nicht auch in die zweite Strophe einstimmen: „Ich, ich und meine Sünden, die sich wie Körnlein finden des Sandes an dem Meer“?

Das stumme Antlitz Jesu mahnt mich. „Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern oder Schwestern, das habt ihr mir getan.“ (Mt 25,40): Wo übersehe ich hilflose Opfer, die verstummt sind? Weil niemand sie hört. Weil niemand hilft. Weil alle wegschauen: Zahl- und namenlose Tote im Mittelmeer. Jüdische Nachbarn, ständig antisemitischen Angriffen ausgesetzt. Wohnungslose in klirrenden Frostnächten. Oh Christus – wieviel Schläge erleidest du auch heute noch!

 

Text: Pastorin Susanne Barth (Ev.-luth. Apostelkirchengemeinde Northeim)

 

WISSENSCHAFTLICHE EINORDNUNG: Geißelung Christi

 

Inschriften: Im Heiligenschein Christi: Ih(esu)s ∙ nazare(nus) (re)x iudeor(um).

 

Sowohl die zentrale Positionierung des Gegeißelten, als auch die gesteigerte Dynamik und Brutalität der Darstellung gehören zu geläufigen Elementen der Geißelung Christi und finden sich in zahlreichen Tafelmalereien der Zeit. Es sei hier nur auf den etwa zeitgleichen Passionsaltar aus Göttingen (um 1460/80) verwiesen. Von einer zeitgemäßen perspektivischen Verräumlichung der Szene fehlt in Northeim allerdings jede Spur. Der flächenbetonende neutrale Fiederrankenhintergrund wirkt insbesondere im Vergleich zur modern anmutenden, dynamischen Handlung äußerst konservativ. Die Gebärdensprache der Schergen zählt zusammen mit ihrer modischen Kleidung zu den modernsten Stilelementen des Northeimer Passions-Zyklus.

 

 

Mittelalterliche Bilder der Passion Teil 4

Kino und Kirche: Raum für Geschichten

 von Drehbuchautor Ronny Schalk

 

Die mittelalterlichen Glasmalereien der St. Sixti-Kirche gehören zu den bedeutendsten Monumentalmalereien des 15. Jahrhunderts im norddeutschen Raum. Mit einer neuen Sichtweise wollen wir den Northeimer Passionszyklus in den Mittelpunkt rücken. Wir erzählen die Geschichten neu… - in dieser Woche mit dem Bild „Die Geißelung Christi" und einer Deutung aus der Sicht des Northeimer Drehbuchautors Ronny Schalk (ARD-Serie „Oktoberfest 1900").

 

 

Ein paar hundert Jahre bevor es Kinos gab, gab es einen anderen besonderen Raum, um Geschichten zu erleben: Die Fenster einer Kirche. Die Bilder auf den Kirchenfenstern arbeiten genauso mit Licht und Farbe wie die Filmkamera, mit einer Abbildung von Realität, aus der durch eine technisch aufwändige Nachbearbeitung später ein Film wird, der im Kopf des Zuschauers Emotionen auslöst. Der Lichteinfall trifft durch das Glas und die Farben direkt unser Auge. Die Dramatik der Szene lässt unserer Fantasie freien Lauf.  Wir träumen. In einem Raum für Geschichten. Und was wir träumen, verändert unser Leben.

 

  

Geißelung

 

 

Die Szene der Geißelung von Jesus Christus auf dem dritten Fenster ist hochdramatisch.  Diese Szene tut uns als Zuschauer weh. Jesus’ Peiniger scheinen unterschiedliche Motive für ihr Tun zu haben. Die beiden Männer links von ihm scheinen Freude dabei zu empfinden, die beiden auf der rechten Seite eher ausführende Kräfte zu sein.

 

Bild 1

 

Das ist nur meine Interpretation. Sie scheinen ihre furchtbare Arbeit auszuführen, weil sie es müssen. Doch dass sie sich dem vermeintlichen Befehl nur nicht widersetzen, macht sie nicht weniger schuldig. Ihre Haltung entsteht im Kopf des Betrachters, in diesem Fall meinem. Sie vermittelt einen Wert, in diesem Fall Ungerechtigkeit. 

 

 

Geißelung Christi, Ausschnitt Christus

 

Der Held in der Mitte erlebt, stellvertretend für mich und das, was mir in meinem Leben passieren mag oder passiert ist, diesen Moment. Weil er standhaft bleibt, gegen Schmerz und Folter für seinen Wert, weil er widersteht, ist er ein Held. Mein Wertesystem gegen Ungerechtigkeit erfährt durch diese Geschichte eine stabile Haltung. Ob es dem unbekannten Jungen vor bald 550 Jahren genau so ging, als er von unten aus dem Kirchraum die Szene auf dem Kirchenfenster betrachtete? Ich bin mir sicher, diese Szene hat ihm das Verständnis für einen Helden vermittelt. Je nachdem wie das Licht fiel.

 

Mittelalterliche Bilder der Passion - Teil 5

Simon von Kyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen

von Regionalbischof i.R. Eckhard Gorka

 

Die mittelalterlichen Glasmalereien der St. Sixti-Kirche gehören zu den bedeutendsten Monumentalmalereien des 15. Jahrhunderts im norddeutschen Raum. Mit einer neuen Sichtweise wollen wir den Northeimer Passionszyklus in den Mittelpunkt rücken. Wir erzählen die Geschichten neu… - in dieser Woche mit dem Bild „Simon von Kyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen" mit einem Text von Regionalbischof i.R. Eckhard Gorka

 

Plötzlich steht Simon im Zentrum der Aufmerksamkeit. Völlig unbeabsichtigt. Er will nur vorübergehen, ist auf dem Weg von der Arbeit nach Hause. Aber der Weg, den er kreuzt, ist nicht irgendein Weg. Es ist der Weg Jesu. Soldaten treiben Jesus hinauf zur Hinrichtungsstätte. Seine Kräfte schwinden, er kann sein Kreuz allein nicht mehr tragen. Da taucht Simon auf und wird in das Geschehen hineingezogen. Soldaten zwingen ihn, Jesu Kreuz zu tragen – stellvertretend. Bis hinauf nach Golgatha.

Passionsfenster Kreuztragung

Ist Simon zur falschen Zeit am falschen Ort? Hätte er nicht einen Moment früher den Weg kreuzen können? Oder einen Moment später? Aber vielleicht gibt es noch eine andere Lesart. Vielleicht ist Simon ja doch zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Weil es alles andere als Zufall ist, dass er in diesem besonderen Moment Jesus begegnet. Denn Simon erkennt in Jesus den Heiland. Ähnlich wie der Hauptmann unter dem Kreuz sieht er in Jesus nicht den Schwerverbrecher, sondern Gottes Sohn.

Simon trägt das Kreuz

Wie kann man solche Folgerungen aus einem einzigen Satz ziehen? Ist das nicht zu weit hergeholt? Nein. Warum sonst nennt Markus in seinem Evangelium Simon und seine Kinder mit Namen? Alle drei müssen in der Gemeinde bekannt sein, für die Markus sein Evangelium schreibt. Markus nennt Simon als Zeugen, der die Hinrichtung Jesu erlebt hat.

Auch der Meister, der das Kirchenfenster in St. Sixti gestaltet hat, scheint das ähnlich zu sehen. Er platziert Simon neben Maria und Johannes, auf der Seite derer, die bald unter dem Kreuz bei Jesus stehen werden. Auffällig an der Darstellung des Kirchenfensters ist aber vor allem, dass Simon hinter Jesus hergeht, ihm nachfolgt. Als nähme der Künstler Bezug auf das Jesuswort: „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Markus 8,34b).

Simon steht ungeplant und ungewollt im Zentrum des Geschehens. Bis heute ist sein Name mit Jesu Kreuzesweg verbunden. Keine Darstellung des Leidenswegs Jesu ohne ihn. Wo immer es auf der Welt Kreuzwegstationen gibt, taucht sein Name auf.

 

WISSENSCHAFTLICHE EINORDNUNG Kreuztragung Christi

von Dr. Elena Kosina

Inschriften: Im Sockelstreifen: [Jesus] (com)pletum ∙ (est) ∙ p(raese)ns ∙ opus ∙ an(n)o [D(omi)ni] ∙ 1478. In den Nimben in 6c: S(anct)us ∙ Joh(ann)es; Sancta ∙ Maria ∙ mater ∙ Jh(es)u. Im Nimbus in 6b: JH(es)us ∙ Chistus ∙ Ma(rie). In der untersten Ecke des Feldes 6a ist die Restaurierungsinschrift zu sehen: Henning & Andres Glasmaler Hannover 1898.

Die Szene folgt der Tradition einer figurenreichen Kreuztragung. Die Inschrift im Nimbus des Erlösers Jesus Chistus Marie betont eine mariologische Komponente dieser Szene, obwohl im Vergleich zu Kreuztragung-Darstellungen, die die Compassio Mariae besonders hervorheben, hier kein direkter Blickkontakt zwischen Sohn und Mutter stattfindet.

Die Kreuztragung weist sowohl maltechnische als auch kompositorische Unterschiede zu den drei übrigen Passionsszenen auf, die letztlich auf die Hand eines anderen ausführenden Meisters schließen lassen. Die repräsentative Körperhaltung der Hauptakteure, die Faltenbildungen ihrer Gewänder sowie der identische Fiederrankengrund erinnern an den Typenschatz des Kreuzigungsfensters im Kloster Walsrode (um 1483). Gegen einen engeren Zusammenhang sprechen allerdings einige formale Verschiedenheiten, wie etwa die Musterung der Heiligenscheine, die Gestaltung des Kreuzholzes, der Dornenkrone und der Brokatstoffe.

 

Mittelalterliche Bilder der Passion - Teil 6

Maria ist doch anders / Jesus schaut mich an

von Pastorin Karin Gerken-Heise und Pastor Dr. Stefan Leonhardt

 

Die mittelalterlichen Glasmalereien der St. Sixti-Kirche gehören zu den bedeutendsten Monumentalmalereien des 15. Jahrhunderts im norddeutschen Raum. Mit einer neuen Sichtweise wollen wir den Northeimer Passionszyklus in den Mittelpunkt rücken. Wir erzählen die Geschichten neu…

 

Maria ist doch anders

von Pastorin Karin Gerken-Heise

 

Maria… - eine stille, fromme und fügsame Frau. So wird Maria uns seit Jahrhunderten vor Augen gestellt. Ein von Männern gemaltes Vorbild von Reinheit und Gehorsam. Mittlerweile blicken wir 550 Jahre durch diese Fenster in unsere Welt, die sich verändert. Heute denken wir: Da fehlt doch was! Ja und Amen zu allem? Maria, warst du nicht anders?

Maria blickt auf ihren Sohn, der zerschunden, umgeben von brutaler Gewalt und widerlichen Fratzen, kurz vor dem Zusammenbruch auf dem Weg zu seiner Kreuzigung ist. Welche Mutter würde da so fügsam und still den Weg begleiten? Keine! Keine Mutter würde Ja und Amen sagend die Hände falten.

 

Maria

Maria, Du warst doch anders! Sonst können wir es nicht glauben. Du hast deinen Schmerz und deine Wut herausgeschrien, so wie unzählige Frauen auf der Welt ihren Schmerz herausschreien, wenn ihre Kinder leiden müssen. An ihrer Seite bist du. Denn du schreist mit allen Menschen in der tiefsten Trauer. Du schreist gegen todbringende Mächte.

Du warst laut. Darin bist du uns Vorbild – du starke Frau! So kann ich glauben, dass aus dir und mit dir Gott in Jesus Christus in die Welt kam. Das von Männern ausgedachte Traumbild von einer Frau und Mutter sollte nur noch in einem mittelalterlichen Fenster zu finden sein, aber nicht mehr in unseren Köpfen.

 

Jesus schaut mich an

von Pastor Dr. Stefan Leonhardt

 

Jesus. Mich schaut er an. Auf dem Bild ist ein unglaubliches Getümmel. Ein Soldat reißt ihn an einem Strick vorwärts. Zwei hämisch grinsende Fratzen strecken ihm die Zunge heraus. Dann seine trauernde Mutter und sein Freund Johannes, der ihr beisteht. Schließlich Simon von Kyrene, der ihm beim Kreuztragen hilft. So vieles, was auf ihn einstürmt. Aber mich schaut er an. Mich, den Betrachter. Es ist so, als suche er meine Nähe, als wolle er eine Beziehung zu mir aufbauen.

 

Jesus

Auch ich habe Kreuze zu tragen. Wo ich nicht mehr Herr der Lage bin. Wo ich vorwärts gezogen werde, ob ich will oder nicht. In der Corona-Pandemie zum Beispiel. Was ich heute plane, ist morgen Makulatur. Dazu vieles, was unglaublich anstrengend und mühsam ist. Oder die Erfahrung, dass manche Lebensträume sich nicht erfüllen. Dass eine Krankheit mich ausbremst und mich mit meinen Grenzen konfrontiert. Menschen, die ich loslassen muss, weil der Tod sie mir raubt. Freundschaften, die zerbrechen. Aber in all dem schaut er mich an. Sein Blick scheint zu sagen: Ich trage mit. Du bist nicht allein. Ich stehe an deiner Seite. Im leidenden Christus begegnet mir ein Gott, der nicht hoch und fern bleibt, sondern das Leben mit mir teilt. Mein Leben. Damit ich nicht verzweifeln muss. Sondern den Mut finde, weiter zu gehen. Mit ihm zusammen. Durch den Karfreitag hinein in einen Ostermorgen. 

 

„Lesebuch“ zu Passion und Ostern

Kirchenkreis verteilt 3000 Broschüren zu mittelalterlichen Kirchenfenstern

 

 

Buch zu den Passionsfenstern

 

Mehrere Autorinnen und Autoren kommen in der neuen Broschüre über die mittelalterlichen Glasmalereien in Northeim zu Wort, die über die Passions- und Ostertage verteilt wird. Sie ist ein meditatives "Lesebuch" für die Feiertage. Mehrere Gemeinden im Northeimer Raum verteilen die Broschüre oder legen diese vor oder in den Kirchen oder Gemeindehäusern aus. Die beschriebenen 550 Jahre alten Bilder aus der St. Sixti-Kirche Northeim sind weit über Northeim hinaus bedeutsam, wurden aufwändig restauriert und sind zurzeit noch ausgelagert. Nach Abschluss der Innenrenovierung werden sie in die Kirche zurückkehren.

Mehrere Autorinnen und Autoren wurden eingeladen, die Monumentalbilder aus dem 15. Jahrhundert zu besprechen. Unter ihnen sind Vertreter verschiedener Kirchengemeinden und Konfessionen sowie der Regionalbischof im Ruhestand Eckhard Gorka und der Northeimer Drehbuchautor Ronny Schalk. Gemeinsam entstand auf diese Weise ein „Kreuzweg“ in vier Großbildern und mehreren Detailbildern. Die vier Kirchenfenster zeigen das letzte Abendmahl, die Gefangennahme im Garten Gethsemane, die Geißelung Jesus sowie die Kreuztragung. In den Begleittexten in der Broschüre werden außerdem die Geschichten der Jünger Petrus, Johannes und Andreas erzählt. Berichtet wird auch von Maria, von dem Verräter Judas und von Simon von Kyrene. 

„National bedeutsam“ nennt das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege den Passionszyklus in der St. Sixti-Kirche. Restauratorin Nicole Sterzing schreibt: "Die wertvollen Glasmalereien von 1478 gehören zu den schönsten und national bedeutsamsten Glasmalereien Niedersachsens“. Die Kunsthistorikerin Dr. Elena Kosina, die den Northeimer Zyklus wissenschaftlich beschrieben hat, ergänzt: „Alle überlieferten, jeweils neun Felder umfassenden Szenen der Passion sind durch eine Monumentalität ausgezeichnet, die für eine Pfarrkirchenverglasung im 15. Jahrhundert sehr ungewöhnlich und im norddeutschen Raum beispiellos ist.“

 

 

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Das Abendmahlsbild von 1478 verbindet

Videoprojekt: Northeimer Konfessionen deuten Passionsbild

 

Die vier Northeimer Konfessionen des Ökumenischen Arbeitskreises melden sich erneut mit einer gemeinsamen Filmreihe zu Wort. Nach einer Reihe im Advent werden nun in den Wochen der Passionszeit weitere Filme auf den Internetseiten der beteiligten Kirchengemeinden zu sehen sein.

 

Thema ist das Abendmahlsbild der Glasmalereien aus dem 15. Jahrhundert in der St. Sixti-Kirche. Der Link zu den Filmen wird jeweils am Samstag ab 17 Uhr auf den Seiten der Gemeinden veröffentlicht.

 

In den Beiträgen geht es zunächst um die Geschichte des mittelalterlichen Passionszyklus. Dann folgen Andachten zu dem Abendmahlstisch sowie zu den Jüngern Johannes und Andreas. Zum Schluss wird die Geschichte von Judas und seinem Verrat erzählt.

 

 

Hier geht es zum 1. Video

 

Hier geht es zum 2. Video

 

Hier geht es zum 3. Video

 

Hier geht es zum 4. und letzten Video dieser Reihe

 

 

 

 

Die Pastoren des Ökumenischen Arbeitskreises Johannes Hilliges, René Lammer, Jan von Lingen und Andreas Pape (v.l.n.r.) Foto: Christian Steigertahl

 

Die Beiträge stammen von Superintendent Jan von Lingen (Ev.-luth. Kirche), Dechant Andreas Pape (Röm.-kath. Kirche), Pastor René Lammer (Ev.-reformierte Kirche) und Pastor Johannes Hilliges (Ev.-freikirchliche Gemeinde, Baptisten). Ort der Filmaufnahme ist die Baustelle der Evangelisch-lutherischen St. Sixtikirche.

 

Zum Ökumenischen Arbeitskreises in Northeim gehören die Ev.-luth. Kirchengemeinden Sixti, Corvinus und Apostel, die katholische Mariengemeinde sowie die Ev.-reformierte Kirche Northeim und die evangelisch-freikirchliche Gemeinde (Baptisten).

 

Mittelalterliche Glasmalereien aus der St. Sixti-Kirche zur  Passionsgeschichte: Hier die neun Felder zur Geißelung Jesu. Foto: Jan von Lingen